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Last-Minute-Tipps für deine Marathon-Woche

Last-Minute-Tipps für deine Marathon-Woche

Du hast monatelang trainiert. Lange Läufe am Sonntag, Intervalle auf der Bahn, schlechte Tage durchgebissen und gute gefeiert. Und jetzt, in der letzten Woche vor deinem Marathon, sitzt du da und fragst dich: Was soll ich eigentlich noch tun? Die ehrliche Antwort: weniger, als du denkst. Die größten Fehler dieser Woche sind nicht zu wenig Training, sondern zu viel Aktivismus, schlechter Schlaf und Logistik-Stress, der dich schon vor dem Start Energie kostet.

Carb Loading: Nicht nur Pasta essen, sondern richtig laden

In der Marathonwoche geht es nicht darum, sich den Bauch vollzuschlagen — sondern die Glykogenspeicher gezielt zu maximieren. Glykogen ist der entscheidende limitierende Energieträger beim Marathon: Erschöpfte Speicher sind der Hauptmechanismus hinter dem Einbruch nach Kilometer 30 (Rapoport, 2010).

Die Forschung ist hier konkreter, als viele Artikel es darstellen: Läufer, die am Tag vor dem Rennen mehr als 7 g Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht aufnahmen, waren signifikant schneller und hielten ihr Tempo besser als diejenigen unter diesem Wert (Neumann et al., 2011). Für einen 75-kg-Läufer bedeutet das mindestens 525 g Kohlenhydrate am Vortag — das ist mehr, als eine Portion Nudeln am Abend liefert. Du musst über den ganzen Tag verteilt laden.

ZeitraumStrategieBeispiel
3–4 Tage vor dem RennenKohlenhydratanteil erhöhen (7–10 g/kg/Tag), Ballaststoffe reduzierenReis, Nudeln, Weißbrot, Kartoffeln, Bananen, Honig, Saft
VortagVolles Loading (>7 g/kg), leicht verdaulich, Fett und Ballaststoffe minimierenWeißer Reis, helles Brot, Pancakes, Fruchtsaft, Marmelade
Rennmorgen (3–4 h vor Start)1–3 g/kg, vertraut, leichtHaferflocken mit Honig, Toast, Banane, Kaffee nach Gewohnheit
Der häufigste Fehler: Zu große Portionen am Vorabend, statt über den ganzen Tag zu verteilen. Und: Vermeide am Samstag und Rennmorgen alles, das du nicht kennst. Kein neues Restaurant, keine exotischen Speisen. Dein Magen braucht Vertrautes.

Zur Flüssigkeit: Trinke in den letzten zwei Tagen bewusst und regelmäßig, aber übertreibe es nicht. Verteile die Flüssigkeit über den Tag, sodass dein Urin hell ist. Übertriebenes Trinken kurz vor dem Start kann zu Hyponatriämie führen und ist kontraproduktiv.


Verpflegung im Rennen: Der Plan, den du vorher brauchst

Die Vorbereitung wäre unvollständig, wenn du zwar perfekt geladen, aber ohne Rennverpflegungsplan an den Start gehst. Für den Marathon gelten 30–60 g Kohlenhydrate pro Stunde als solide Orientierung. Wer länger unterwegs ist, profitiert meist davon, eher am oberen Ende dieses Bereichs zu planen — vorausgesetzt, die Zufuhr wurde im Training geübt (Burke et al., 2007).

Konkret heißt das: Früh im Rennen mit der Energiezufuhr beginnen — meist nach 20 bis 30 Minuten — und dann konsequent nach Plan nachlegen. Ein typisches Gel enthält 20–25 g Kohlenhydrate. Bei einem 4-Stunden-Marathon brauchst du also 5–8 Gels oder eine gleichwertige Kombination aus Gels, Riegeln und Sportgetränk.

Dein Verpflegungsplan:

  • Alle 30–40 Minuten ein Gel oder eine gleichwertige Kohlenhydratquelle
  • Am besten mit Wasser nehmen — die Kombination mit Sportgetränk funktioniert nur dann gut, wenn du sie im Training erprobt hast
  • Warte nicht, bis Hunger aufkommt — dann bist du mit der Energiezufuhr bereits zu spät dran
  • Nur Produkte verwenden, die im Training getestet wurden — neue Gels am Renntag sind ein Magenrisiko

Wichtig: Dein Magen muss das trainiert haben. Wer im Training nie mit Gels gelaufen ist, wird am Renntag Probleme bekommen. Wenn du bisher nicht mit Rennverpflegung trainiert hast, dosiere am Renntag lieber vorsichtiger, als dich zu überladen.


Pacing: Kontrolliert starten, nicht langsam starten

Das häufigste Marathon-Desaster: zu schnell starten. Die ersten Kilometer fühlen sich leicht an, die Menge feuert an, die Adrenalinwelle trägt — und dann kommt Kilometer 30 wie eine Wand. Eine systematische Übersicht zeigt, dass 77 % aller Marathonläufer positiv pacen — also in der zweiten Hälfte langsamer werden (Santos-Lozano et al., 2024). Gleichmäßiges oder leicht negatives Pacing ist dagegen mit besseren Endzeiten assoziiert.

Was das praktisch bedeutet: Die ersten 3–5 Kilometer bewusst kontrolliert angehen. Nicht zögerlich — aber kontrolliert genug, dass du nicht vom Adrenalin überrollt wirst. Lass die Masse an dir vorbeiziehen, finde deinen Rhythmus, dann pendele dich aufs Zieltempo ein. Halte dieses Tempo möglichst gleichmäßig bis Kilometer 30. Wer dann noch Reserven hat, kann gezielt beschleunigen.

Pacing ist individuell. Ein Sub-3-Läufer braucht andere Richtwerte als jemand mit 4:30-Ziel. Deshalb: Orientiere dich an deinem Halbmarathon-Ergebnis oder an langen Trainingsläufen im Marathontempo — nicht an abstrakten Faustregeln. Wenn du unsicher bist, geh den ersten Fünfer lieber 10–15 Sekunden pro Kilometer langsamer an, als du glaubst laufen zu können.

Pacing bei Hitze oder Wind anpassen

Wetter verändert alles. Forschungsergebnisse zeigen, dass Marathonleistungen ab einer Temperatur von etwa 10–15 °C progressiv nachlassen — und langsamere Läufer stärker betroffen sind als schnelle (Ely et al., 2008). Bei Wärme über 15 °C oder starkem Gegenwind: Plane von vornherein ein konservativeres Zieltempo. Bei warmem Wetter ist ein leicht defensiveres Anfangstempo keine Schwäche, sondern Rennstrategie. Wer bei 22 °C sein Kühle-Wetter-Tempo versucht, bezahlt das ab Kilometer 25.


Logistik: Was du vorher klären musst

Hier passieren Fehler, die vermeidbar sind. Checke frühzeitig:

  • Startunterlagen: Wann und wo abholbar? Viele Events versenden nicht per Post. Hol sie am Freitag oder Samstag ab — nicht am Rennmorgen.
  • Anreise: Prüfe Streckensperrungen. Viele Marathons sperren die Innenstadt komplett. ÖPNV oder Sonderzüge sind meistens die stressfreie Option. Tickets vorab kaufen.
  • Beutelabgabe: Wo gebe ich meinen Beutel ab, wo hole ich ihn nach dem Rennen? Bereite den Beutel am Samstagnachmittag vor — nicht am Rennmorgen um 5:30.
  • Treffpunkt mit Begleitern: Mobilfunknetze sind rund um große Events oft überlastet. Vereinbare vorher einen konkreten Treffpunkt und eine Uhrzeit.

Ausrüstung: Nur Bewährtes

Deine Checkliste:

  • Laufschuhe (im Training erprobt, idealerweise in mindestens einem langen Lauf oder Tempolauf getragen — nicht nur 5-km-Runden)
  • Startnummer mit Sicherheitsnadeln befestigt
  • Funktionskleidung in Schichten: Bei kühlem Start ein Longsleeve oder eine alte Jacke, die du nach dem Aufwärmen an einer Verpflegungsstation abgeben oder wegwerfen kannst
  • Gels, Riegel oder Verpflegung nach deinem Rennplan
  • Uhr oder GPS-Gerät geladen
  • Bodyglide oder Vaseline gegen Scheuern (Oberschenkelinnenseiten, Achseln, bei Männern Nippel)
  • Personalausweis für die Unterlagenabholung

Zum Wetter: Prüfe die Vorhersage am Samstag, aber entscheide erst am Rennmorgen. Bereite zwei Varianten vor — eine für kühl und feucht, eine für warm und sonnig. Auch hier: Nichts am Renntag zum ersten Mal tragen.


Schlaf, Morgenroutine und Plan B

Schlaf in der Rennwoche

Viele Läufer schlafen vor dem Rennen schlecht — Aufregung, früher Alarm, ungewohnte Umgebung. Das ist normal und kein Grund zur Panik. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Schlafqualität der gesamten Woche vor dem Rennen relevanter ist als die einzelne Vornacht (Poussel et al., 2023). Was wirklich zählt: Schlaf in den Nächten von Mittwoch bis Freitag tief und lang. Eine schlechte Nacht am Vorabend lässt sich verkraften, wenn die Woche insgesamt gut war.

Versuche, beruflichen Stress in dieser Woche so weit wie möglich zu reduzieren. Dein Körper unterscheidet nicht zwischen Arbeitsstress und Rennstress — beides erschöpft die gleichen Reserven.

Morgenroutine am Renntag

Klingt banal, ist aber für viele der stressigste Moment: der Rennmorgen. Plane rückwärts vom Startschuss:

  • 3–4 Stunden vor Start: Frühstück (bewährt, kohlenhydratreich, fettarm)
  • 2 Stunden vor Start: Anreise zum Startbereich, Beutelabgabe
  • 45–60 Minuten vor Start: Toilette (bei Großveranstaltungen: Schlangen einplanen, früh anstellen)
  • 15–20 Minuten vor Start: Kurz in Bewegung kommen — ein paar Minuten lockeres Traben oder Gehen, dazu einige Mobilisationsbewegungen und, wenn es zu dir passt, ein bis zwei kurze Steigerungen
  • 5 Minuten vor Start: In den Startblock, ruhig atmen
Die Toilettenfrage ist kein Detail — sie entscheidet bei vielen über Nervosität oder Ruhe. Wer seinen Darm kennt, weiß: Kaffee und Frühstück brauchen Zeit. Plane diese Zeit ein.

Plan B: Wenn es anders kommt

Nicht jeder Renntag läuft nach Plan. Magen rebelliert, der Wind dreht, die Beine fühlen sich schwer an. Das ist kein Versagen — das ist Marathon. Was hilft:

  • Magenprobleme: Gel-Frequenz reduzieren, vorübergehend nur Wasser nehmen und das Tempo leicht senken. Häufig beruhigt sich der Magen dann wieder, wenn du ihm kurz Ruhe gibst.
  • Wenn die Beine schwer werden: Tempo leicht senken, Schritte verkürzen, das nächste Gel planmäßig nehmen und nicht gegen das Gefühl ankämpfen. Nicht versuchen, mit Willenskraft durchzudrücken — das Loch wird nur tiefer.
  • Schlechter Schlaf: Nicht kompensieren durch schnelleres Loslaufen. Eher 10–15 Sekunden pro Kilometer defensiver starten und schauen, was geht.
  • Hitze oder Regen am Start: Kleidung anpassen, Tempo anpassen (siehe Pacing-Abschnitt), akzeptieren, dass die PB heute wahrscheinlich nicht fällt — und trotzdem ein gutes Rennen laufen.
Der wichtigste Satz für den Renntag: Ein klug angepasster Plan bringt dich weiter als ein stur verteidigter Traumplan.

Häufig gestellte Fragen

Darf ich in der Rennwoche noch Intervalle laufen?

Ja — aber kurz und kontrolliert. Kurze Steigerungen über 80–100 Meter oder 2–3 Minuten im Marathontempo halten die neuromuskuläre Aktivierung aufrecht. Was du nicht mehr machen solltest: harte VO2max-Einheiten, Tempoläufe über 20 Minuten oder Bergintervalle.

Wie viel Kohlenhydrate brauche ich wirklich?

Am Vortag mindestens 7 g/kg Körpergewicht. Bei 70 kg sind das 490 g — verteilt auf den ganzen Tag, nicht nur eine Riesenportion am Abend. Im Rennen: 30–60 g pro Stunde, ab Kilometer 5–8 beginnen.

Was tun, wenn ich vor dem Rennen schlecht schlafe?

Nicht nachträglich kompensieren. Die Schlafqualität der gesamten Woche ist wichtiger als eine einzelne Nacht. Geh am Renntag so ins Rennen, wie du dich fühlst — aber starte etwas konservativer und lass den Körper ins Rennen finden.

Soll ich das Tempo bei Hitze anpassen?

Ja, unbedingt. Ab etwa 15 °C steigt die Belastung messbar. Plane ein etwas defensiveres Tempo ein und achte besonders konsequent auf Flüssigkeit und Kühlung. Gerade langsamere Läufer (>4 Stunden) sind von Hitze stärker betroffen als schnelle.

Was ist der häufigste Fehler in der Rennwoche?

Zu viel Aktivismus: zu viel Training, zu viel neues Essen testen, zu viel Logistik auf den Rennmorgen schieben. Die Rennwoche ist keine Trainings- oder Experimentierphase — sie ist eine Vorbereitungs- und Ruhephase.



Wissenschaftliche Quellen

1. Smyth B, Lawlor A (2021). Longer Disciplined Tapers Improve Marathon Performance for Recreational Runners. Frontiers in Sports and Active Living. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34651125/
2. Mujika I, Padilla S (2003). Scientific bases for precompetition tapering strategies. Medicine & Science in Sports & Exercise. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12840640/
3. Rapoport BI (2010). Metabolic factors limiting performance in marathon runners. PLoS Computational Biology. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20975938/
4. Burke LM et al. (2007). Nutrition strategies for the marathon: fuel for training and racing. Sports Medicine, 37(4–5), 344–347. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17465604/
5. Neumann G et al. (2011). Pre-race dietary carbohydrate intake can independently influence sub-elite marathon running performance. International Journal of Sports Medicine. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21590642/
6. Santos-Lozano A et al. (2024). Pacing strategies in marathons: A systematic review. European Journal of Sport Science. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39281580/
7. Ely MR et al. (2008). Effect of ambient temperature on marathon pacing is dependent on runner ability. Medicine & Science in Sports & Exercise. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18685522/
8. Sheridan H (2014). Tapering strategies in elite British endurance runners. European Journal of Sport Science. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25189116/
9. Poussel M et al. (2023). Sleep in marathon and ultramarathon runners: a brief narrative review. Sleep Medicine Reviews. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37822525/


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